Auswahlseminar der Studienstiftung: so läuft es wirklich ab!

Viele Mythen umgeben die Auswahlseminare der Studienstiftung des deutschen Volkes; elitäres Verhalten, arrogante und lebensferne Hochbegabte, böse Fragen. Auf der anderen Seite hört man von entspannten Wochenenden, netten und interessanten Mitstreitern sowie sympathischen Einzelgesprächen. Was also erwartet einen? Eine gesunde Mischung aus allem, wie mein eigenes Auswahlseminar zeigen sollte…

Vom 27. bis zum 29. April 2012 absolvierte ich das Auswahlseminar Bochum II der Studienstiftung des deutschen Volkes. Nach dem Abitur wurde ich der Studienstiftung seitens meiner Schule vorgeschlagen. Nun, knapp ein Jahr nach dem Absolvieren der allgemeinen Hochschulreife, konnte ich mir endlich selber ein Bild vom Ablauf des Auswahlseminars machen, über das ich so viel – teilweise gegensätzliches – gehört und gelesen hatte.

Ein Tipp noch vorweg: solltest du bald auf einem Auswahlseminar sein, schau dir vorher dieses E-Book zur Stipendienbewerbung an. Der Autor war (neben 6 weiteren Begabtenförderungswerken) Stipendiat der Studienstiftung. Im E-Book wird genau beschrieben, wie man sich Schritt für Schritt für die Einzelgespräche, das Referat und die Gruppendiskussionen vorbereitet und welche Fehler man vermeiden kann.

Studienstiftung Logo

Das Auswahlseminar fand in einer Jugendherberge am Bochumer Bermudadreieck statt. Eröffnet wurde das Seminar Freitags um 18:00 Uhr mit einem gemeinsamen Abendessen. Knapp 50 Teilnehmer fanden ihren Weg in die Jugendherberge, darunter einige den Vorurteilen entsprechende Stereotypen: Juristen mit grünen Hosen, Timberland Segelschuhen und Pullunder. BWLer in Jeans und kleinkarierten Karohemden. Informatiker mit der Optik eines Piraten-Wählers und Physiker, wie sie “The Big Bang Theory” nicht besser darstellen könnte. Naturgemäß waren auch viele Mediziner und Psychologen anwesend. Darüber hinaus lernte ich jedoch auch Umweltwissenschaftler, Maschinenbauer und Technomathematiker sowie eine Erziehungswissenschaftlerin kennen.

Nach dem Abendessen gab es eine Informationsveranstaltung, auf der die Studienstiftung vorgestellt wurde. Es ging um die Grundsätze der monetären und ideelen Förderung, um den Ablauf des Auswahlseminars sowie die Auswahlkriterien; während der Auswahlseminare werden die Teilnehmer in Gruppen von circa 6 (fachlich bunt gemischten) Mitstreitern unterteilt. Im Rahmen dieser Gruppen hält jeder Teilnehmer einen 10-minütigen Vortrag zu einem frei wählbaren Thema, über das im Anschluss innerhalb der Gruppe diskutiert wird. Für diese Diskussion ist ein Zeitfenster von 20 Minuten vorgesehen – das gewählte Thema sollte den anwesenden Teilnehmern innerhalb der 10 Minuten also dergestalt präsentiert werden, dass eine interessante Diskussion im Anschluss ermöglicht wird. Von fachspezifischen und zu komplexen Themen ist also abzuraten. Während dem Vortrag und der anschließenden Diskussion ist ein Kommissionsmitglied anwesend, welches jedoch ausschließlich beobachtet und Notizen macht. Des weiteren führt jeder Teilnehmer zwei Einzelgespräche mit zwei verschiedenen Kommissionsmitgliedern, welche in der Regel ehemalige Stipendiaten der Studienstiftung sind. Letztlich wird jeder Teilnehmer von den drei Kommissionsmitgliedern (dem Beobachter der Diskussionsrunde sowie den beiden Gesprächspartnern der Einzelgespräche) unabhängig voneinander bewertet. Hierfür steht den Kommissionsmitgliedern eine Skala von 0-10 zur Verfügung. Für die Berufung zum Stipendiaten ist eine Mindestpunktzahl von 23 nötig.

Das Ende der Informationsveranstaltung bot die Möglichkeit, die Teilnehmer und vor allem die Mitglieder der eigenen Gruppe besser kennenzulernen. Meine Gruppe bestand ausschließlich aus sehr netten und interessanten Menschen, die den Horrorgeschichten des stereotypen Stipendiaten widersprachen. Dass die Teilnehmer eines solchen Auswahlseminars hochqualifiziert sind, muss an dieser Stelle nicht erwähnt werden. Gott sei Dank wurde diese fachliche Kompetenz jedoch auch durch soziale soft skills und eine angenehme Portion Menschlichkeit ergänzt. Wir haben über unsere Werdegänge gesprochen, (teilweise niveaulose und ergo tatsächlich lustige) Witze gemacht und unsere Themen für die Gruppendiskussion am nächsten Tag vorgestellt. Auch die restlichen Teilnehmer überraschten mich mit ihrer meist lockeren und lustigen Art. Besonders jene, die ich vorhin als Beispiel für die Bestätigung des durch Erzählungen generierten Stereotyps nannte, konnten sich nach ein paar Sätzen das Gütesiegel “cooler Typ” verdienen, sobald die stoffliche Fassade der fachspezifischen Einheitskleidung ihre Wirkung verlor und die Teilnehmer auftauten.

Das Auswahlseminar: Gruppengespräche

Samstags um 8:30 Uhr begann der erste wirkliche Tag des Auswahlseminars mit einer Gruppendiskussion. Meine Gruppe diskutierte an diesem und dem folgenden Tag über die ethische Vertretbarkeit embryonaler Stammzellenforschung, die Brisanz der medialen Berichterstattung zu Depression und Suizid, die Rolle der Schule bei der Prävention jugendlicher Frustration und Gewalt, über die Auswirkung des Internets auf unsere Gesellschaft und über die Frage, ob die deutsche Demokratie überholt sei. Das Thema meines Vortrags lautete: Universität 2.0 – DSL Anschluss statt Campus?! Nach der Vorstellung einiger Projekte (u.a. www.coursera.com, www.udacity.com) galt es, die Vor- und Nachteile einer teilweisen oder vollständigen Verlagerung der universitären Bildung in das Internet zu eruieren. Die Diskussionen liefen sehr gut – und das nicht nur, weil die gewählten Themen einer ausgiebigen Aussprache förderlich waren. Natürlich geht es bei einem solchen Seminar auch darum, sich selber gut zu verkaufen, wodurch jeder so viel wie möglich sagen möchte. Worauf das beobachtende Kommissionsmitglied bei der Diskussion letztlich achtet, kann ich leider nicht sagen. Ich persönlich habe meine Meinung ausgiebig präsentiert, auf Widersprüche hingewiesen und gleichzeitig darauf geachtet, meine Gruppenmitglieder aussprechen zu lassen und ihnen respektvoll zu begegnen.

Das Auswahlseminar: Einzelgespräche

Große Sorge hatte ich bezüglich der Einzelgespräche. Wer im Internet nach Erfahrungsberichten sucht, wird schnell feststellen müssen, dass hier kein Konsens herrscht. Ich habe vor meinem Auswahlseminar von netten Gesprächen gelesen – und von schrecklichen. Man sprach davon, dass sich die Gespräche auf die eigene Person und den Lebenslauf bezogen – und davon, dass nach ethnischen Minderheiten in den entlegensten Flecken der Erde gefragt wurde.

Mein erstes Einzelgespräch hatte ich mit einer sehr netten Dame, die (soweit ich mich entsinne) fünf oder sechs Studiengänge absolviert hatte und sehr sympathisch war. Die Dame hatte großes Interesse an meinem Werdegang, wodurch wir ausschließlich über meine Person sprachen. Im meinem Fall bedeutete das: der lange Weg vom Leben mit einer chronisch depressiven Mutter, dem Selbstmord des besten Freundes, einem schweren Autounfall und einem Realschulabschluss mit 3, irgendwas hin zu einem Abitur mit 1,0. Weitergehend sprachen wir über meine Tätigkeit als Musikproduzent und Inhaber eines Musiklabels sowie die Wahl und Inhalte meines Studiengangs (Medienkulturwissenschaft / Medienmanagement). Beendet wurde das Gespräch mit der Frage, warum die Studienstiftung denn gerade mich aufnehmen sollte. Diese Frage muss letztlich individuell beantwortet werden, weshalb ich meine Antwort an dieser Stelle auch nicht preisgeben werde.

Auch das zweite Gespräch konzentrierte sich inhaltlich zunächst auf meinen Lebenslauf. Diesmal wurden jedoch tiefergehende Fragen gestellt. “Wie sind Sie als Jugendlicher mit diesen schlimmen Ereignissen umgegangen?”, “Wie kam es dazu, dass Sie sich wieder aufgerafft haben?”, “Warum haben Sie sich genau für diesen Studiengang und den Studienort Köln entschieden” lauteten ein paar der Fragen. Anschließend sprachen wir über meine Meinung zur Digitalisierung der Presse, die Rolle des Internets, das Burnout-Syndrom, die Piraten und was wir vielleicht von diesen lernen könnten.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass das Wochenende eine tolle Erfahrung war und ich froh bin, das Auswahlseminar absolviert zu haben. Für mich persönlich war es ein sehr großer Schritt, schätzte ich meine Chance doch als sehr gering ein. Nicht nur, dass mein sozialer Hintergrund und mein Werdegang nicht jenen der typischen Stipendiaten entspricht. Auch optisch hebte ich mich in Turnschuhen und weiter Kleidung deutlich von der Masse ab und befürchtete dementsprechend einer Benachteiligung seitens der Kommissionsmitglieder. Davon habe ich jedoch überhaupt nichts gemerkt, im Gegenteil: ich hatte den Eindruck, die Kommissionsmitglieder waren sehr begeistert von der Diversität, die meine Person der Studienstiftung liefert. Ob dieser Eindruck korrekt ist, wird sich innerhalb der nächsten 14 Tage entscheiden. Ein großer Umschlag bedeutet Freude, ein kleiner wird mir in standardisierter Form mitteilen, dass ich zwar einen bleibenden Eindruck hinterlassen habe, die Studienstiftung mir jedoch keine Förderung offerieren kann.

Zur Demographie sei gesagt, dass Frauen und Männer gleichmäßig vertreten waren. Geisteswissenschaftler waren erwartungsgemäß unter-, Mediziner und Juristen überrepräsentiert. Obgleich sich dieser Fakt nicht in arroganten Verhaltensweisen widerspiegelte, stammten die meisten Teilnehmer wohl aus Familien mit akademischen Hintergrund. Nicht selten hörte ich Sätze a la “Mein Vater ist Doktor”, “Meine Mutter ist Leiterin von XY”, “Meine Eltern haben XY studiert”. Aber, und das möchte ich explizit wiederholen, die Mehrheit der Teilnehmer war bodenständig und sehr sympathisch. Ich habe einige interessante Menschen kennengelernt, zu denen ich weiterhin Kontakt haben werde. Solltet ihr also eine Einladung zu einem Auswahlseminar erhalten: freut euch auf ein interessantes Wochenende, das definitiv eine wertvolle Erfahrung sein wird. Eure Mitstreiter werden höchstwahrscheinlich keine lebensfernen Aliens eines anderen Planeten, sondern normale Menschen mit den selben Sorgen und Ängsten wie ihr sein.

UPDATE 10.05.2012 aka mein Stipendium
Soeben habe ich Post von der Studienstiftung erhalten. In einem großen Umschlag. Es hat also geklappt – ich bin nun ein Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes🙂

PS: Als zusätzliche Informationsquellen zur Vorbereitung auf das Auswahlseminar der Studienstiftung empfehle ich insbesondere das Bewerberforum für die Studienstiftung des deutschen Volkes und die Lektüre weiterer Erfahrungsberichte (Hier gibt es eine Sammlung). Weitergehend gibt es einige interessante Zeitungsberichte  (z.B. Zeit Online oder FAZ) sowie die grundsätzlichen Informationen zum Auswahlverfahren auf der Homepage der Studienstiftung, die sicherlich nicht schaden werden:-)

 

Comments

  1. Zur Geschlechterrepräsentation kann ich noch hinzufügen, dass das vom Studienort abhängt. Ich war in Rastatt, was wohl so das Einzugsgebiet für Studenten aus Karlsruhe ist. Letztlich hatten wir glaube ich nur Männer aus Karlsruhe und das 1/3 an Frauen wurde aus verschiedenen anderen Unis (Heidelberg, Saarbrücken, …) eingeladen.

    Bei uns war das Verhältnis dann, wie oben schon erwähnt, 1/3 Frauen zu 2/3 Männer (in meiner Gruppe 1 Frau und 5 Männer).

    Vom Studiengang her waren bei uns vor allem Wirtschaftsingenieure. Informatiker (wovon ich einer bin) gab es glaub nur 3 oder 4. Ein paar Mediziner und mehr fällt mir jetzt auch nicht mehr ein. Aber geschätzte 30-50% Wirtschaftsingenieure (was teils mit dem Studienort Karlsruhe zu tun hat, teils aber wohl auch mit der Notenverteilung auf Studiengänge, denn Informatiker sind wir aktuell auch ca. 600 in Karlsruhe im 2. Semester, Wirtschaftsingenieure müssten 600-1000 sein; d.h. Wirtschaftsingenieure/BWLer wird man auch in anderen Städten wohl eher antreffen als Informatiker; vielleicht noch als Anmerkung: Wirtschaftingenieurswesen ist das BWL von Karlsruhe, soll auch sehr wirtschaftslastig sein und weniger technisch, wie ich beim Auswahlseminar hörte).

    Ansonsten kann ich von meiner Seite auch sagen, dass bei mir in beiden Einzelgesprächen vor allem auf den Lebenslauf eingegangen wurde. Im einen kamen am Ende auch noch Fragen zu Politik (Schulbildung und tagesaktuell, derjenige war auch ehemals Rektor) und meine Meinung zu ein paar Dingen.
    Andere Teilnehmer des Seminars haben aber auch von Diskussionen über Opelsubventionen und andere Themen berichtet. Am schlimmsten fanden diejenigen ihre Einzelgespräche, bei denen das Kommissionsmitglied anfing: „Okay, ich kenne Sie ja noch gar nicht. Erzählen Sie mir einfach mal ein bisschen etwas“

    Ich wurde letztlich abgelehnt, tut aber dem Erfahrungsbericht sicherlich keinen Abbruch.

  2. Hallo Marcel,
    dein Erfahrungsbericht war sehr hilfreich für mich, vielen Dank!
    Liebe Grüße Miriam

  3. Bin gerade beim arbeiten an meinem Lebenslauf (Schulvorschlag)… vielen Dank für deine Erfahrung 🙂 ich bin inzwischen viel entspannter.

  4. Hallo Marcel,

    herzlichen Glückwunsch zu Deinem Stipendium.

    Ich habe zwei Fragen bzgl. der Präsentation und Moderation beim Auswahlseminar:
    1. Haben wirklich die meisten ohne technische Hilfsmittel die Präsentation gehalten?
    Also vor 6 Leuten stehen und frontal erzählen?

    2. Was versteht das Auswahlkomitte unter Moderation?
    Darf sich/muss der Moderator argumentativ in die Diskussion einbringen oder gilt hier die Neutralität und er muss nur den Gesprächsverlauf leiten?

    Danke für Deine Antworten!

    Mit freundlichen Grüßen

    Klaus

    • marcel.witczak@gmail.com says:

      Hallo Klaus,

      vielen lieben Dank für die Glückwünsche.

      Zu deinen Fragen:

      1. Ja, die Präsentationen werden ohne technische Hilfsmittel gehalten. Ob du während deiner Präsentation stehen oder sitzen magst, bleibt dir jedoch vollkommen offen.

      2. Auch das steht dir offen. Primär solltest du dafür sorgen, dass eine Diskussion überhaupt stattfindet (hierbei hilft es interessantes Thema) und sich alle Anwesenden gleichmäßig beteiligen. Wenn du der Meinung bist, die Diskussion durch das Einbringen eines weiteren Arguments oder einer Frage optimieren zu können, kannst du dich natürlich auch argumentativ in diese einbringen.

      Grundsätzlich solltest du dir hier jedoch keine großen Sorgen machen. Die Kombination aus einem guten Thema und dem (verständlichen) Drang jedes Teilnehmers zur bestmöglichen Selbstrepräsentation durch Partizipation sorgt im Regelfall für eine tolle Diskussion, die keiner weiteren Leitung bedarf:-)

  5. Hallo Marcel,

    danke für diesen Erfahrungsbericht. Ich habe ihn in meine Sammlung hier aufgenommen: http://www.stipendiumbewerbung.de/erfahrungsberichte-zum-auswahlseminar-der-studienstiftung-des-deutschen-volkes/

    Viele Grüße,

    Korbinian

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