Schöne neue Welt?! Gedanken zur Filmrezeption in Zeiten von Twitter & Co.

Tatort-Kritiken-im-Kurznachrichten-Dienst-Twitter

Es passierte während einer Busfahrt. Eine Gruppe halbstarker Buben mit Boxerhaarschnitt okkupierte die hinterste Sitzbank, um mit Hilfe der über die Lautsprecher ihrer Handys dröhnenden Bushido-Songs ihre persönliche Party im Personennahverkehr zu feiern.
Damals erlebte ich zum ersten Mal den Missbrauch eines Mobilfunktelefons.

Ein paar Jahre später haben Mobilfunktelefone – genauer gesagt Smartphones – Einzug in nahezu alle Sphären unseres Alltags erhalten; nach dem Aufwachen werden Emails im Bett gelesen, der Weg zur Arbeit wird für eine Runde Angry Birds genutzt und nach einer US-Umfrage verwenden 75% der Befragten das Smartphone sogar, um das stille Örtchen seiner Stille zu berauben.
Doch das ist scheinbar nicht genug. Die neueste technologische Entwicklung sieht eine Übernahme des Smartphones von bisher unberührtem Hoheitsgebiet vor; den kostbaren Momenten im entspannenden Blauschimmer des Fernsehbildschirms. Dieses Konzept schimpft sich Second Screen und beschreibt die Nutzung eines zweiten Bildschirms parallel zum laufenden Fernsehprogramm; der Missbrauch des Smartphones geht in die nächste Runde.
Ein zweiter Bildschirm also. Parallel zum Fernsehprogramm. Das klingt im ersten Moment eher nach Flucht vor dem Programm als nach komplementärer Nutzung. Die neue Staffel U20 – DEUTSCHLAND, DEINE TEENIES ist wider Erwarten kein Meilenstein der Fernsehgeschichte? Kein Problem! iPhone raus und ab zu 9GAG, Katzenbilder schauen. Entgegen meiner Erwartung geht es beim Second Screen jedoch nicht um die Flucht vor dem Niveaulimbo des deutschen Hartz-IV-Programms Fernsehprogramms, sondern um Interaktion mit und zwischen den Rezipienten.

Über spezielle Apps und Browseranwendungen (dank Apple natürlich auf HTML5-Basis) soll das Geschehen aus der Mattscheibe befreit und von den Zuschauern in den eigenen vier Wänden erlebt werden. Wer hier an Samara aus THE RING denkt, ist auf der richtigen Spur, denn die ersten Schritte Deutschlands in Richtung Second Screen verliefen ähnlich stolper- und schauderhaft. So blieb beispielsweise der Mord im Tatort vom 13. Mai 2012 ungeklärt und sollte im Anschluss von den Zuschauern mittels eines Onlinespiels namens Tatort+ aufgeklärt werden. Was als großer Schritt der sonst so trendaversen öffentlich-rechtlichen gefeiert wurde, war bei genauer Betrachtung zwar ein crossmediales, sicherlich jedoch kein Second-Screen-Angebot. Mit dem Zweiten sah man hier also noch nicht besser. RTL wiederum offeriert mit RTL Inside eine tatsächliche Second-Screen-Applikation, über welche Zuschauern während des laufenden Programms Zusatzinformationen zu Sendungen wie DAS SUPERTALENT geboten werden. Fans der Show könnten somit beim nächsten Auftritt von Rapper BlingBling Selim theoretisch die Möglichkeit nutzen, parallel zum auditiven Genuss die Texte des Supertalents zu lesen oder über den Onlineshop jenen Modeschmuck zu bestellen, der auf der Bühne zur Schau getragen wird.

Wenngleich ich ein großer Freund technologischen Fortschritts bin, widerstrebt mir der Second-Screen-Ansatz offensichtlich. Wenn Zuschauern etwas geboten werden muss, das sie parallel zum Programm nutzen können, um dieses attraktiv zu machen, stimmt etwas mit dem Programm nicht. Es hat schließlich einen Grund, dass auf Kaffeefahrten Kaffee und Kuchen angeboten wird; das Heißgetränk und der Frankfurter Kranz sollen die niedere Qualität des eigentlichen Programms verschleiern. Wenn Programmanbieter also befürchten, Zuschauer alleine durch das angebotene Programm nicht binden zu können, sollten sie ihr Angebot überarbeiten, anstatt über eine Weiterleitung der zuschauerseitigen Aufmerksamkeit von diesem abzulenken.

Interessant wird es, wenn Zuschauer den Second Screen verwenden, um sich mit anderen Nutzern über das gerade Gesehene auszutauschen. Dies kann innerhalb dafür geschaffener Communities a la Couchfunk.de oder klassischer sozialer Netzwerke stattfinden. Nicht selten fordern Bauchbinden zu Beginn von Sendungen, Sportübertragungen oder Filmen die Zuschauer dazu auf, mittels eines vorgegebenen Hashtags auf Twitter oder Facebook ihre Meinung kundzugeben. Während der 100. Tatort-Ausstrahlung konnte man auf Twitter beispielsweise in Echtzeit verfolgen, was Nutzer zum Geschehen auf der Mattscheibe zu sagen haben.

oder auch

hieß es dort unter anderem. Ein Mehrwert für die Nutzer ist in diesem System nicht erkennbar. Auch gibt es zahlreiche Zuschauer, die die Möglichkeit des Meinungsaustauschs dazu nutzen, ihre Begeisterung für das Programm auszudrücken. Wenn der gesamte Freundeskreis von HOW I MET YOUR MOTHER schwärmt, sollte man natürlich tunlichst folgen, um ja nicht den sozialen Anschluss zu verpassen – und soziale Netzwerke sind schließlich ein gesellschaftlich akzeptiertes Mittel zur Bildung und Repräsentation des eigenen Ichs. Das habe ich zumindest gehört.

Es ist verwunderlich, dass hier noch kein #Aufschrei entstanden ist – so evident ist die paradoxe Natur dieses Verhaltens; jemand, der etwas genießt und honoriert, sollte mit voller Aufmerksamkeit bei der Sache sein. Niemand steht vor der Mona Lisa und blickt unentwegt auf sein Tagebuch, um dort seine Empfindungen über das Gemälde zu verewigen. Zückt mein Gesprächspartner während einer Konversation sein Handy aus der Tasche, empfinde ich das als respektlos. Ebenso ist es ein Zeichen mangelnden Respekts, seine Aufmerksamkeit nicht dem Programm, sondern seinem Handy zu widmen, wenngleich hier kein Mensch sondern eine Kunstform desavouiert wird. Zweifelsohne soll ein Austausch über Filme, Sendungen und sonstige Ereignisse stattfinden – ist er nicht zuletzt auch ein stets vorhandenes Kitt im unsicheren Gebilde des Small Talks. Was ich kritisiere, ist der Austausch in Echtzeit; ein Austausch, der die Aufmerksamkeit weg vom Geschehen gen der Erzählung lenkt und somit die kommunizierte Begeisterung letztlich ad absurdum führt, indem er sie ihrer Legitimationsgrundlage beraubt. Ein Meinungsaustausch über den Second Screen während der Rezeption eines Films ist ergo ebenso fehl am Platz wie das berüchtigte „Gefällt´s dir?“ während des Geschlechtsverkehrs. Die einzigen, die von dem digitalen Gezwitscher profitieren, sind übrigens die Programmanbieter und Werbetreibende: Dem Medieninformationsdienst Nielsen zufolge können Tweets nachweislich positive Auswirkungen auf die Einschaltquote und Ticketverkäufe eines Films haben. Werbetreibende hingegen können seit 2013 ihre Anzeigen in Form von gesponserten Tweets gezielt Zuschauern bestimmter Programme anzeigen lassen, um so ein Publikum mit potenziell hoher Affinität gegenüber den beworbenen Produkten zu erreichen.

Bis dato bleibt uns die Second Screen Technologie also noch Anwendungsbereiche schuldig, die dem Zuschauer de facto Mehrwerte bieten und ihn nicht vom eigentlichen Programm ablenken. Mit fortschreitender Verbreitung des Smart-TV könnte es in wenigen Jahren jedoch möglich sein, über Second-Screen-Anwendungen wertvolle Informationen zu erhalten. Gerne stelle ich mir vor, dass Fernsehapparate und Second-Screen-Applikationen derart kommunizieren, dass sie erkennen, wenn ich laufende Folgen einer Serie bereits gesehen habe. In diesem Fall würde mir die Second-Screen-Anwendung, ähnlich den Produktempfehlungen Amazons, alternative Angebote vorschlagen, die meinen persönlichen Präferenzen entsprechen. Mehrwerte wie diese sollten die einzige Legitimationsgrundlage für die Weiterentwicklung des Second Screens darstellen. Falls dies nicht so ist, dann sind wir dem Second Screen zum Dank verschuldet. Dann nämlich, und das wäre eine wesentlich erschreckendere Wahrheit, bietet er den apodiktischen Beweis für einen Wandel unseres Rezeptionsverhaltens. Vielleicht ist es in der heutigen Zeit schlichtweg zu viel von den Menschen verlangt, durch ihre Aufmerksamkeit Kunstformen wie Film, Fernsehen oder Musik zu honorieren. Kurz das iPad auf das im Schoß liegende Buch ablegen, um der besten Freundin einen Tweet zu schicken, während man über das Handy die von YouTube gerippte MP3 des neuesten Cro-Songs hört und im Augenwinkel die neue Castingshow auf RTL verfolgt. Vielleicht ist das der neue Mensch 2.0.

Wenn das so ist, dann lässt sich das nicht ändern. Jedem das Seine. „Hier bin ich Mensch, hier darf ich´s sein!“ – daran hat sich nichts geändert. Willkommen in der schönen neuen Welt. In dem Fall packe ich meine sieben Sachen und flüchte an einen einsamen Ort. Dort schaue ich dann Filme ohne Blick auf mein Smartphone und höre Rap aus den Neunzigern auf Vinyl (das sind die schwarzen Scheiben mit den Rillen, die bei euren Eltern im Keller stehen). Sorry, Bushido: „Zeiten Ändern Dich“ trifft halt nicht auf jeden zu.

Speak Your Mind

*